Ducati 900 SS

Schon als ich die Maschine das erste mal beim Ducatihändler sah, war es um mich geschehen. Die 900 SS und auch die 750 SS, speziell mit Halbschale hatten es mir angetan. Es wurde sofort eine Probefahrt arrangiert, mit der 900er und auch mit der 750er. Die fuhren beide unheimlich gut, die 750er war etwas handlicher wegen des schmaleren Hinterreifens, sie hatte lediglich einen 160er statt eines 170er bei der 900er, aber die 900er hatte den deutlich eindrucksvolleren Motor. Drehmoment ohne Ende ganz von unten heraus und wenn man ihn richtig drehen ließ, kam im ersten Gang das Vorderrad hoch. Der Preis war natürlich eine echte Hemmschwelle, die 750 war deutlich günstiger und da ich mich nicht entscheiden konnte, wurden aus der einen Probefahrt ca. fünf bis sechs, jeweils mehrmals mit beiden Maschinen. Die waren beide außerhalb meiner finanziellen Reichweite, aber ich fing an meine Groschen zu sparen.

Auf einer Tour durch den Deister und das Weserbergland fanden wir einen unheimlich netten Ducatihändler in Hessisch Oldendorf, bei dem wir ab dann öfter mal auf unseren Touren hereinschauten. Dieser Händler Jörg Jakobeit, baute eigene Rennmaschinen auf Ducatibasis auf und im Gespräch erfuhren wir, dass er eine absolut geniale Ventilspieleinstellung für die desmodromischen Zylinderköpfe der Ducati entwickelt hatte. Die Besonderheit fast aller Ducatis, die Desmodromik schließt die Auslassventile nicht auf herkömmliche Weise mit einer Feder, sondern durch einen Schließnocken und einen Schließerkiphebel, der das Ventil gegen seinen Sitz zieht. Damit können ganz andere Steuerzeiten als mit über Federn geschlossenen Ventilen erzielt werden, was hohe Drehzahlfestigkeit mit extrem gutem Drehmoment aus niedrigen Drehzahlen heraus kombiniert.

Nachteil dieser Anordnung ist, das diffizile und relativ aufwändige Einstellen der Ventile, da aus mechanischer Sicht hier eine Doppelpassung vorliegt und eine falsche Einstellung zu schweren Schäden am Ventiltrieb führen kann. Es gibt von Ducati in fünf hundertstel gestufte Einstellplättchen und Jörg Jakobeit erzählte, dass er die Plättchen sogar auf ein hundertstel genau einschleift. Alles in allem ist das Einstellen des Ventilspiels einer Ducati eine recht aufwändige Sache.

Die Entwicklung, die ursprünglich für die Königwellenducatis entstanden ist, besteht aus exzentrisch gelagerten Kipphebelachsen, mit denen das Ventilspiel einfach und schnell und als besonderen Vorteil, stufenlos eingestellt werden. Auf meine Nachfrage, ob das denn auch für die Zahnriemenducatis passen würde, kam die Aussage, er hätte es zwar noch nicht probiert, aber da die Ducatimotoren eine kontinuierliche Evolution darstellen und viele Teile von älteren Modellen übernommen bzw. weiterentwickelt werden, sollte das gehen. Das war nun ganz klar ein weiterer Posten auf meiner Wunschliste. Auf dem Motorbild sieht man die Ausführung für meine Zahnriemenducati. An den Zylinderköpfen ist auf beiden Seiten des Ducatischriftzuges ein Klemmstück zu sehen, das die Einstellung der Kipphebelachsen fixiert. Zum Ventileinstellen werden diese Klemmstücke gelöst, dann mit einem Schraubendreher das Spiel eingestellt und die Klemmstücke wieder festgezogen. Das Ventilspieleinstellen wird echt zur Minutensache. Das goldfarbene Schildchen unter dem Schriftzug ist übrigens ein graviertes Typenschild der Ventilspieleinstellung.

Da die Ducatis damals im Vergleich mit den japanischen Motorrädern doch recht teuer waren, musste ich noch eine ganze Weile sparen, bis ich sie mir endlich leisten konnte. Allerdings gab es jetzt einen neuen Modelljahrgang, der nicht mehr die elegant weiß lackierten Gussfelgen hatte, sondern schwarze, die mir überhaupt nicht gefielen. Im Gespräch mit Jörg ergab es sich dann, dass er aus dem Umbau einer Rennmaschine noch einen Satz weiße Felgen herumstehen hatte. Das Geschäft wurde klar gemacht und ich orderte eine 900 SS mit exzentrischen Kipphebelachsen und weißen Felgen. Die Zeit, bis die Maschine dann da und der Umbau abgeschlossen war, wurde mir echt lang, aber endlich war der große Tag da, ich konnte meine eigene Ducati abholen. Da ich inzwischen in den Norden gezogen war, bedeutete abholen 300 km Autofahrt und dann die gleiche Strecke mit dem Motorrad zurück. Die Rückfahrt wurde natürlich über Landstraßen durchgeführt und war ein echter Genuss. Die Sitzposition war auch über längere Strecken bequem, heute würde die Ducati als Tourensportler eingestuft, da der Lenker doch deutlich über Sitzbankniveau angeordnet ist. Der Motor mit seinem mordsmäßigen Durchzug aus niederen Drehzahlen heraus, war auf der Landstraße ein Gedicht.

Dieses Motorrad erhielt natürlich im Laufe der Zeit auch noch die eine oder andere Verbesserung, wobei es allerdings nicht wirklich viel zu verbessern gab. Das Cockpit wurde mit einem Ölthermometer erweitert, was in den späteren Modelljahren zur Serienausstattung gehörte.

Kurz nach Montage des Ölthermometers ereilte die Ducati und fast auch mich ein grausiges Schicksal. Bei ca. 100 km/h auf der Landstraße meinte ein entgegen kommender Linksabbieger kurz vor meinem Motorrad, er könnte doch losfahren. Zwar ging ich voll in die Eisen, aber der Einschlag ins Auto erfolgte noch mit ungefähr 65 km/h, wie ich später an den Überresten der Ducati ablesen konnte. An den Unfall erinnere ich mich nicht mehr, nur noch, dass ich auf der Straße lag und mir jemand den Helm abnahm. Ich selber habe unheimlich Glück gehabt und bin mit einer gebrochenen Rippe, einem gebrochenen Schlüsselbein und einem gebrochenen Handgelenk davongekommen. Die Ducati war leider ein Totalschaden mit gerade mal einem halben Jahr und 6000 km auf dem Tacho. Da mir kaum etwas passiert war, konnte ich glücklicherweise schon nach einer Woche das Krankenhaus verlassen und ließ mich dann noch mit Verbänden und Gips zum Ducatihändler meines Vertrauens fahren. Ich orderte sofort genau die gleiche Ducati wie beim ersten Mal. Leider lagen jetzt keine weißen Felgen mehr in irgendeiner Ecke, wurden aber vom Lackierer fachmännisch in diesen Zustand gebracht. Auch die Ventileinstellung wurde natürlich wieder eingebaut.

Da auch Kombi und Helm bei diesem Unfall das zeitliche gesegnet hatten, kaufte ich mir nach dieser Erfahrung eine Protektorenkombi von Schwabenleder. Beim Gehen kam man sich ein wenig vor wie ein Roboter, speziell wenn die Protektoren noch nicht angewärmt waren, aber auf dem Motorrad saß sie absolut perfekt, nichts drückte oder kniff. Die Farben wurden passend zur Ducati gewählt mit roter Hose, weißem Oberteil mit roten Schultern und Ärmeln, getrennt durch einen schmalen grünen Streifen (das ergab nicht nur zufällig die italienischen Farben) und auf dem Rücken der Schriftzug DUCATI.

Nachdem der Gips am Handgelenk endlich ab war, war auch die neue Ducati fertig und wurde abgeholt. Sie sah genauso aus wie die erste und fuhr natürlich auch genauso gut. Wie schon gesagt, war die Ducati zwar nicht perfekt, aber so gut, dass es nicht wirklich viel zu verbessern gab. Das zusätzliche Ölthermometer wurde wieder genauso eingebaut und zusätzlich als eine Art Bordcomputer ein Fahrradtacho. Der Reedkontakt wurde dazu mit Kabelbinder am rechten Gabelholm befestigt, der Magnet gleichfalls mit einem Kabelbinder am Innenring der Bremsscheibe. Mit dem Zusatztacho konnte dann die Länge der Tagestouren oder die gefahrenen Kilometer in der Saison, sowie Maximalgeschwindigkeit, Durchschnittsgeschwindigkeit, Fahrzeit etc. angezeigt werden. Was mich sehr erstaunte war die Tatsache, dass der Ducatitacho nicht, wie von mir erwartet, deutlich voreilte, sondern im Vergleich zum Fahrradtacho fast die gleichen Werte anzeigte.

Die nächste Bastelaktion war etwas aufwändiger. Es gab von verschiedenen Zubehörhändlern eine Abstützung der hinteren Bremszange zum Motor. Theoretisch verhindert so eine Abstützung eine Beeinflussung der Federung beim Bremsvorgang, ist aber im Alltagsgebrauch sicherlich überhaupt nicht zu spüren. Viel wichtiger war jedoch die Tatsache, dass so eine Bremsmomentenabstützung unheimlich wichtig aussieht. Als ich mir so ein Teil bei einem Händler anschauten, sah ich mäßige Qualität zu einem überhöhten Preis. Also sagte ich mir, wozu bin ich denn Maschinenbauingenieur und setzte mich ans CAD-System. Die Teile wurden nicht nur konstruiert, sondern auch eine Berechnung über die an den Teilen beim Bremsen auftretenden Belastungen durchgeführt. Nach den Zeichnungen wurden von meinem Freund Stephan, der zu dieser Zeit über entsprechende Möglichkeiten verfügte, die Teile angefertigt, in zweifacher Ausfertigung weil er inzwischen auch stolzer Ducatibesitzer geworden war. Nach Vorlage der von mir durchgeführten Berechnungen war dann auch die Eintragung beim TÜV kein Problem. Im Zuge dieses Umbaus wurden auch die Originalbremsschläuche gegen Stahlflexschläuche ersetzt, was die ohnehin guten Ducatibremsen nicht wirklich verbesserte, den Wichtigkeitsfaktor aber ungemein anhob.

Die letzte Umbaumaßnahme, von der ich allerdings kein Foto mehr gefunden habe, war die Montage einer Einmannsitzbank wie bei der Superlight. Dafür wurde ein GFK-Nachbau mit Polster bestellt und hinter dem senkrechten Polster eine Öffnung angebracht, die mit dem Polster verschlossen werden konnte. In diesem Fach konnte dann Werkzeug, Regenkombi etc. untergebracht werden. Als Meister der Sprühdosenlackierung hatte ich zuerst überlegt, die Sitzbank selber zu lackieren, habe mich aber dann entschlossen, da die Ducati ein ganz besonderes Motorrad für mich war, dies durch eine Lackiererei machen zu lassen. Ich hatte mir auch die Originalaufkleber der Seitenteile besorgt, die auf die Sitzbank aufgeklebt und mit Klarlack überlackiert werden sollten. Die Lackierung war dann ganz ok, allerdings hatte die Lackiererei den Rotton der Ducati nicht einhundertprozentig getroffen. Wenn man es nicht wusste, fiel es gar nicht auf, mir selber sprang es aber immer ganz fürchterlich ins Auge.

Die Ducati begleitete mich über zehn Jahre meines Motorradlebens und jedes einzelne davon hat unheimlich Spaß gemacht. Ich war als ich die Ducati kaufte schon verheiratet und nun wurde die Familie langsam immer größer und dadurch die Zeit, die zum Motorradfahren übrig blieb immer weniger. Während ich in der ersten Saison mit der Ducati noch ca. 7.000 km gefahren war, wurde es mit steigender Anzahl der Kinder immer weniger und in der letzten Saison, mit inzwischen drei Kindern, war es noch nicht mal mehr eine Tankfüllung.

Da ich mich inzwischen nach einem anderen Hobby umgesehen hatte und vom Modellhubschrauberfliegen absolut fasziniert war, und das ein Hobby war, wo auch die Kinder mitkommen konnten und ihren Spaß hatten, wurde die Ducati schweren Herzens verkauft. Denn Modellhelis sind nicht gerade billig und das Hobbybudget reichte für zwei Hobbies einfach nicht aus.