Kreidler RM

Mein erstes motorisiertes Zweirad war ein Mokick, eine Kreidler RM. Ich hätte natürlich lieber eine richtige große 50er statt eines Mokicks gehabt, die Zündapp KS50 Watercooled war damals der Traum aller Jungen, aber das gab meine finanzielle Situation einfach nicht her. Die Maschinen waren sehr teuer und die Versicherung fast unbezahlbar. Selbst für das Mokick musste ich in mehreren Ferien arbeiten und noch etwas Geld von meinen Eltern bekommen, um es mir leisten zu können.

An der Schule wurden damals die heißesten Tipps gehandelt, welches Mopped das schnellste war, bzw. mit welchen Tuningmaßnahmen welche Maschine schneller gemacht werden konnte. Die Kreidler lief schon im Originalzustand deutlich schneller als die für ein Mokick erlaubten 40 km/h und mit einigen kleinen Tuningmaßnahmen wie Kürzen des Auspuffkrümmers und Montieren einer längeren Übersetzung waren dann je nach Tagesform und Rückenwind 75 bis 85 km/h drin.

Als weitere Umbaumaßnahmen wurde relativ schnell einer der damals üblichen M-Lenker montiert. Und später kam dann noch eine Vollverkleidung mit an den Gabelrohren montierten Lenkerstummeln dazu.

Natürlich war ich nicht der einzige mit einer Kreidler, zwei meiner Kumpels hatten auch eine, allerdings das neuere Modell, das statt des einsamen Tachos in der Lampe schon ein richtiges Cockpit mit Tacho und Drehzahlmesser hatte. Wir drei fuhren dann heiße Radanradrennen aus und konnten nachts nicht mehr schlafen, wenn ein Mopped deutlich schneller war, als die anderen. Da wurde dann sorgfältigst die Zündung eingestellt, die Kanäle im Zylinder poliert, jegliche in die Kanäle hineinragende Dichtungsstückchen entfernt, neue Kolbenringe montiert und was uns noch so alles einfiel. Das war schon eine tolle Zeit.

Natürlich besuchten wir, genauso wie unsere Vorbilder mit den richtigen Motorrädern, Motorradtreffen. Wir mussten dann deutlich früher losfahren und kamen natürlich viel später an, aber wir waren dabei und das war das wichtigste.

Da durch jugendlichen Übermut auch der eine oder andere Hinfaller nicht ausblieb, wurde ich ein wahrer Experte, was das Reparieren von Verkleidungen mit Glasmatte und Polyester anging, sowie ein Meister der Sprühdosenlackierung. Im Original war die Verkleidung rot und nahm dann im Laufe der Zeit die Farben grün, grün/schwarz, schwarz und leuchtorange an.

Als ich auf die 18 zuging, wurde der Autoführerschein gemacht und natürlich, mit 2 Fahrstunden, auch der Motorradführerschein. Das ging damals mit 17 noch ohne Probleme. Mein Traummotorrad zu der Zeit war eine Yamaha RD250 mit 32 PS. Zu der Zeit fand gerade die Umstellung der Versicherung von Hubraum auf Leistung statt und es war anfangs nicht klar, wie denn die Yamaha eingestuft werden würde. Wenn sie in der 50 PS-Klasse landen würde, dann könnte man ja auch gleich nach Motorrädern schauen, die diese Leistungsklasse auch wirklich ausfüllen. Mir gefiel die BMW R75/6 unheimlich gut und als ich dann zuhause "ganz zufällig" Prospekte von der Maschine herumliegen ließ, zeigte sich auch mein Vater ganz angetan. Mit dem Verdienst mehrerer Ferienjobs, dem Verkauf der Kreidler und etwas Geld von meinen Eltern, lag die BMW im Bereich des möglichen.

Also wurde die Kreidler nach zwei Jahren und über 40.000 km, die ich mit ihr zurückgelegt hatte, verkauft. Das geschah mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Das weinende Auge sah mein erstes motorisiertes Fahrzeug, das mich klaglos überallhin gebracht hatte und mich in der Zeit nicht einmal im Stich gelassen hatte. Das lachende Auge freute sich über die BMW R75/6, ein richtiges Motorrad, das die Kreidler ablöste.

Ich hatte wahrscheinlich das Glück, die Kreidler zum genau richtigen Zeitpunkt zu verkaufen, denn kurz danach fing die Polizei an, verstärkt Kontrollen durchzuführen und meine Kumpels, die etwas jünger waren und noch weiter Mokick fahren mussten, wurden mehrmals erwischt. Sie mussten dann richtig hohe Geldstrafen abdrücken, während ich in meinen zwei Mokickjahren zweimal von der Polizei angehalten wurde, aber jedes Mal noch mit einem blauen Auge davon gekommen bin.